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ESSEN IN INDIEN

Die   Konferenzhalle ist in eisige Kälte getaucht. Vor der Tür ist es stickig und sehr warm, ein wenig staubig. Es riecht nach vielem Wunderbaren und nach einigem nicht so Schönen. Drinnen riecht es nach Klimaanlage.

Die Sitzreihen sind gut gefüllt bei dieser großen Internationalen Ayurveda Konferenz in Nadiad, Gujarat , an einem heißen, heißen September Tag, an dem der Monsun nicht kommen will. Ich werde über unsere  europäischen Erfahrungen mit Ayurveda sprechen dürfen. Über unsere Schwierigkeiten, Ayurveda verständlich zu machen. Über unsere Patienten, wie sie leben. Die indischen Studenten sind neugierig auf uns. Wir werden unermütlich Facebook Kontakten hinzugefügt und können die Stapel von Business Karten nicht mehr in unseren schweißigen Händen halten. Wir sind einfach nur nervös.

Zuerst aber gibt es ein 2. Frühstück, nein, eigentlich ist es das Dritte. Das erste Frühstück bestand unabweisbar um 6:30 (jetlag!) aus gekochter Milch und einer schwarzen, klebrigen Paste, Chyavanprash, die in dem Krankenhaus selbst angefertigt wird und uns Jugend und Gesundheit bringen soll. Zumindest aber ein gesundes frühes Aufstehen garantiert. Bevor wir nicht die Tür geöffnet hatten, gingen die Jungen mit der zuckrigen Masse auf dem Löffel und der Milch nicht weg!

Das 2. Frühstück erfolgte im Privathaus meines Professors. Seine freundliche Frau hatte Kichererbsen , jede Menge scharfe Sosse gekocht und frische Brotfladen gebacken, dazu Milchtee und Pickles, etwas Obst,nein, ich habe genug, nein, wirklich, sehr lieb, es ist schon viel, ja, schmeckt wunderbar. Nun, gut, noch ein wenig, dann ist s aber wirklich genug!

Das dritte Frühstück also vor der Konferenzhalle. Auch hier kein Entkommen: Milchtee, Kekse, Linsen und Brotfladen. Zum Glück ist es noch ein bisschen Zeit bis zum Mittag!

Es ist 10 Uhr, der erste Vortrag beginnt. Die Temperatur draussen steigt. Mein Magen ist voll. Meine innere Aufmerksamkeit reist immer wieder von den Vortragenden weg hin zu meinem Verdauen. Und es entsteht sogar schon wieder Appetit! Unsere Körpertemperatur ist durch die eisige Luft drastisch abgesunken, was den Appetit wieder befeuert.

Pause.

Gott sei dank, unsere Ohren sind eisig, die Finger klamm. Eine Hitzewelle bläst uns in den Raum zurück. Draussen wird das Mittagsbuffet errichtet. Es lohnt schon mal ein kleiner Rundgang… Rotes Curry, Gelbes Curry, Linsen, Kichererbsen, Nachtische aus elastischen weissen Teigen, Bumekohl Curry, Brotfladen. Es duftet warm, scharf, säuerlich, aromatisch, pfeffrig, süss, zimtig, bitterlich, nach frischem Brot und Rosenwasser. Und nach noch mehr. Jetzt gibt es aber erstmal nur Kekse. Eigentlich schade…

Der nächste Vortrag lässt uns gefrieren. In rasender Geschwindigkeit werden Sanskrit Begriffe verlesen, die ebenfalls in hoher Geschwindigkeit über eine Power Point Wand flimmern. Mittagspause. Wir fühlen uns durch die Kälte gealtert. Alle Glieder schmerzen.

Doch: draussen, die Temperatur ist mittlerweile in ihre höchsten Zahlen gestiegen und wird unter der großzügigien Zeltplane gut erhalten, ist das Buffet nun fertig aufgebaut. Vielleicht ist es ja gar nicht so heiss, aber die offenen Flammen der Gaskocher, die Warmhaltevorrichtungen und die Frittieröfen strahlen heftige Glutwellen ab.

Die Teller halten wir klein. Wollten wir von jedem Gericht auch nur einen Löffel nehmen, wären 2 Teller gerade ausreichend. Da aber der Paneer und auch das Gemüsegericht so einzigartig gut sind, muss man ja mehr davon nehmen… 3 Teller sind zuviel. Das sieht gierig aus. Wir nehmen Platz, wo man uns hinschiebt. Der Tisch ist voller gefüllter Teller, eindeutig mehr Teller, als Personen.

Also nicht nur wir.

Die Pause ist zu kurz, all diese Gewürze zu riechen, die Texturen im Mund schmelze zu lassen, das Öl af den Lippen zu schmecken. Die Süße zu spüren. Zum Glück ist die Kleidung schmeichelnd. Der Saal ist merklich leerer nach der Pause. Oder man sieht nicht mehr alle, da das Essen den Kopf so angenehm vom Blut lehrt, rutscht man langsam tiefer. Es dämmert so schön… bis die Klimaanlage wieder hochgefahren wird und man kämpft gegen die Kälte an.

Der Abend naht. Es ist ein Festbankett geplant in einem luxuriösen Hotel. Meine Assistentin und ich haben den Anfang aber irgendwie verschwitzt. Die Zeit wurde mehrfach nach vorn und nach hinten verschoben und wir waren in der Stadt und haben bei Kashmir- und Seidenhändlern ungezählte Kekse mit indischem Milchtee verputzt.

Im Hotel ist ausser uns niemand. Wunder indischer Zeitpläne. Wir haben das Buffet für uns. Werden mit schlumpfblauer Brause begrüßt. Dann folgen eingedickte Milch mit Safran, Brotfladen, ein Dutzend Currygerichte und Linsen und Kichererbsen und dann kommen alle und laden uns noch einmal zum Nachnehmen ein.

Mein Vortrag am nächsten Tag enthält Fallstudien. Die meisten Patienten in den Studien lassen Mahlzeiten aus oder ersetzen sie durch flüssige kalte Nahrung (Smoothies). Es gibt viele Fragen. Und zwar ausschließlich zum Essen.

Warum lassen Leute ihre Essen ausfallen? Warum? Verdienen die Leute bei euch in Europa so schlecht? Wie kann man eine Mahlzeit auslassen, wenn man genug zu essen hat? Wie kann man einen Tag ohne ein duftendes scharfes Frühstück beginnen? Die Mitte des Tages verstreichen lassen, ohne sich mit einem wunderbaren Mittagessen verwöhnt zu haben? Wie kann man den Abend alleine in der Küche ein Brot essen? Statt den Abschluss zu zelebrieren.

Wie kann man das erklären? Ich konnte es nicht.

 


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