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EISKALT – GEDANKEN ZU KÜHLSCHRÄNKEN

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Es ist Nacht. Nackte Füsse tappen auf kalten Fliesen. Ein Ruck. Das Licht geht an. Eiskalte Luft strömt entgegen…. Der Nascher hat sein Ziel erreicht: der Kühlschrank öffnet einladend seine frostigen Innereien.

Was haben Menschen eigentlich früher gemacht, wenn sie traurig waren? Als sie noch keinen Kühlschrank öffnen konnten, um Nussnougatcreme aus dem Glas zu löffeln?

Vielleicht Gedichte geschrieben? Als das Bier nur in Gemeinschaft in der Kneipe unten an der Ecke kalt getrunken werden konnte? Als wir Eis nur im Sommer mit Blick auf Adria kannten?

Es ist Tag, der Kühlschrank klappt auf und zu, rhythmisch wie eine Windmühle.

Frühstück: Milch, Käse auf’s Brot, Joghurt als Zwischenmahlzeit.

Mittag: Salat mit Couscous von Gestern, Petersilie aus dem Gemüsefach und die Fresh Suppe aus dem Plastiknapf, nur noch zu erwärmen, geht aber auch als Gazpacho.

Nachmittag: Erdbeeren mit etwas Soyasahne und der Rest Smoothie von gestern.

Abend: die eingekochte Hühnerbrühe mit dem vorgeschnittenen Salat und den Soyasprossen, die zubereitete marinierte Hühnerbrust dazu, zum Dessert das Tiramisu aus dem Becher, ein kühler Rose zum Tatort danach.

Ein normaler Tag: Kühlleistung 4 , im Frischefach 2, in der Gefriertruhe lagert alles von den Resten von Weihnachten bis zur Überraschungstorte. Und die vielen unbeschrifteten Dinge, von denen man gar nichts weiß. Unbekannt eingefroren. Vergessen.

Früher gingen die Leute zum Markt. Das Essen musste fast täglich herbeigeschafft werden. Wenn es aufgegessen war, war es weg, wenn es nicht aufgegessen war, musste es weg. Die Zeit der Wege sparen wir heute.

Wir haben an Zeit gewonnen, weil wir nur noch 1-2 mal pro Woche etwas dazukaufen, manchmal nur noch einmal im Monat einkaufen, um dann das meiste in dem dunklen Kühlraum abzulegen, um einen Teil davon zu verzehren, mehr als 50 % jedoch zu vernichten, weil es doch vergessen wurde, überlagert war oder nicht schmeckte. Wir arbeiten also tatsächlich einen Teil jeden Tages, um Nahrungsmittel zu kaufen, die wir unter umweltkritischen Bedingungen energieaufwendig erzeugen, einlagern und dann , wiederum mit Energie, die wir bezahlen, wieder vernichten. Fast jedes von uns in den Städten eingekauftes sogenanntes „frisches“ Lebensmittel ist gekühlt worden, um die langen Transportwege und die Lagerungen zu überstehen. Meistens „lückenlos“. Nicht immer. Und wir öffnen die Türen dann weit und der Kühlschrank verschlingt unsere Zeit

in seiner eigentümlichen Art, mit der er uns animiert, mehr zu kaufen, zu verstauen, zu horten. Die Lebensmittel, die wir in ihn stopfen, sind bunter, als das, was man nicht kühlt, weil sie ohne Erde sind, ohne Insekten und ohne Duft.

Der Kühlschrank entfernt uns: von der Verantwortung, von den Produkten selbst. Wir sehen nur Teile dessen, was wir kaufen: vom Fisch das Stäbchen, (welcher Fisch hat diese 2x1x4 cm Form eigentlich?) von der Erde: wie kommt nur immer der Dreck an die Möhren? Von der Frucht (Smoothies sind alle gleich breiig), von der Landschaft (wieso gibt eine Kuh Milch und was bekommt dann das Kälbchen?)und der Region: wieso gab’s keine Erdbeeren gestern??? Er befreit uns von der Sorge des Klimawandels und Missernten, weil immer noch alles verfügbar erscheint.

Die Dinge für den Kühlschrank glänzen alle unter ihren Plastikfolien, die ein einziges Mal benutzt, noch Generationen nach uns in den Meeren schwimmen, das Obst liegt in einem Bett aus glasklarem Kunststoff, bedeckt mit einer feinen Folie, das Gemüse in den bedruckten Säckchen, die Butter in Alufolie, das Brot in der Plastiktüte… alles, damit es einen kleinen Rest Geschmack bewahrt, bevor der Kühlschrank seinen uiversal Geruch darüber verströmt.

Der Kühlschrank entfernt uns vom Hunger! Ich meine damit nicht den Hunger in Katastrophengebieten, ich meine den täglichen Hunger, den nach kräftig getaner Arbeit. Es ist ständig etwas greifbar, dass nicht erst geschält, geschnitten, gekocht werden muss. Der Kühlschrank hat den Appetit erfunden.

So snacken wir uns durch den Tag, immer auf der Suche, immer auf dem Sprung. Nahrung als Zerstreuung, aus Lust, Langeweile, Ersatz, als Beschäftigung. Essen gegen die Angst.

Der Kühlschrank hat unsere Umwelt verändert, durch die Möglichkeit, Dinge lange aufzubewahren. Er hat auch uns verändert und unsere Essgewohnheiten. Haben wir unseren Gästen früher Tee gereicht, so wünschen sie jetzt Cola, haben wir im Herbst Birnen für’s Dessert gekocht, so gibt es jetzt vorgefrorenen Kuchen.

Kühlschränke sind intim. Schauen wir in unseren Kühlschrank, so schauen wir auch ein gutes Stück in unsere verborgenen Laster.. Was finden wir? Möchten wir jedem Einblick in die versteckten kalten Schätze gewähren?

Ich möchte nicht, dass wir nun auf den Kühlschrank verzichten, ich möchte ihn nur wieder wahrnehmen lassen, als einen einflussreichen Veränderer unserer Gewohnheiten und Vorlieben. Dass Amazon, Google und Netflix unser Leben für uns speichern und Gewohnheiten prägen, stört uns gelegentlich noch. Der Kühlschrank in dieser Reihe mag überraschen, doch hat er unsere Essgewohnheiten, Vorlieben, unseren Geschmack so stark verändert, dass eine Überernährung mit all ihren gesundheitlichen Risiken erst in diesem Maße möglich wurde.

Sich abends mit Eiskrem zu verwöhnen geht erst, seitdem wir einen Eisschrank haben, Lactoseintolreanz wird erst zum Thema, wenn wir bereits von Kindesbeinen an viel zu große Mengen milchhaltiger Lebensmittel angewöhnt bekommen, Softdrinks schmecken lauwarm nicht. Erdbeeren im Winter könnten nicht zu Allergien führen und Lebensmittelvergiftungen wären seltener, weil wir nicht blind einer Kühlkette vertrauten. Die Meere wären auch nicht so leergefischt

Er verführt uns. Er lockt. Er ist unser Innerstes.

Wir müssen ihn nicht weggeben, aber wir können aufmerksamer mit ihm umgehen, liebevoller, bewusster. Und auf den Markt am Wochenende gehen, um all die schönen Dinge im Ganzen zu sehen: die Käse, die Fische, die Hühner, die Erde an den Bundmöhren, den Feldsalat im Frühling, die Pfirsiche im Sommer, die Quitten im Herbst und die Rüben im Winter. Die vielen frischen Kräuter und krummen Gurken. Die sonnengereiften Tomaten. Das Brot ohne Plastiktüte drum herum.

Und damit Kochen wir uns und unseren Freunden ein Mahl, dass nicht nach Kühlschrank schmeckt, sondern frisch und warm duftend den Geruch des Erde und der Sonne verströmt, nicht eingeschweißt und quadratisch, sondern füllig und wild. Der Rest kann ja dann in den Kühlschrank.

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